ECM-BLOG

Donnerstag, 20 Oktober 2011

PDF/VT: Ein neues PDF-Derivat für den variablen Transaktionsdruck

geschrieben von  Dr. Werner Broermann

Im August 2010 wurden die endgültigen Spezifikationen von PDF/VT als ISO-Norm 16612-2 veröffentlicht („V“ steht für „variable“ und T für „transactional“). Es tritt mit dem Anspruch auf, zukünftig das Standardformat für den variablen Transaktionsdruck zu werden und damit anderen Formaten wie AFP, PPML, VIPP und VPS den Rang abzulaufen.  Hat dieses neue Format tatsächlich das Potential dazu und worauf muss sich die Output-Management-Branche einstellen?

Hintergründe für diesen Vorstoß

Während in der grafischen Offset-Welt längst die komplexesten Konstruktionen auf Basis von PDF/X den Marketing-Abteilungen kaum mehr einen grafischen Wunsch offen lassen, kommt die Welt des variablen Produktionsdrucks noch vergleichsweise bieder daher: In großen Teilen sind dessen Erzeugnisse, in denen Dokumentenvorlagen,  z. B. für Rechnungen oder Kontoauszüge, mit variablen Daten des Adressaten zu versandfertigen Dokumenten aufbereitet werden, noch in Schwarz-Weiß und ohne grafische Elemente – also weitab davon, mit anspruchsvollen farbigen Layouts und grafischen Effekten für entsprechende Aufmerksamkeit zu sorgen. Andererseits wird in der Branche immer mehr diskutiert, wie mit mehr Personalisierung und TransPromo die Aufmerksamkeit der Adressaten von Mailings auf weitere Inhalte gelenkt werden kann.

In dieser Situation sieht vor allem Adobe mittelfristig einen Markt: Während das Unternehmen im Prepress- und Offset-Bereich längst mit einer Reihe von Produkten allgegenwärtig ist, interessiert sich im variablen Produktionsdruck bisher kaum jemand für die umfangreichen Möglichkeiten der grafischen Produkte dieses Unternehmens. So wundert es nicht, dass die Initiative für PDF/VT insbesondere von Adobe ausging und kräftig unterstützt wurde.

Und dieses Format trifft wiederum auf eine Branche, in der Portabilität und Geräteunabhängigkeit in Bezug auf ihre großen Druckersysteme sowie Print-Workflows mit geräteunabhängigen Farbprofilen eher Fremdworte sind – ganz im Gegensatz zu den Eigenschaften, für die PDF in den letzten Jahren immer mehr steht.

Die Besonderheiten von VT

So sieht das zuständige ISO-Gremium das neue Format als einen internationalen Standard, der im variablen Produktionsdruck (im Englischen VDP = Variable Data Printing) ein PDF-basiertes Druckjob-Austauschformat vorgibt, das für die spezifischen Bedürfnisse der Workflows des variablen Transaktionsdrucks optimiert ist. Als seine Vorteile werden u.a. folgende Eigenschaften hervorgehoben:

    • PDF/VT ist ein Austauschformat, das plattformübergreifend durch Geräteunabhängigkeit und Objektorientierung auf jedem Produktionsdrucker einsetzbar sein soll.
    • Es basiert auf dem PDF Imaging Model und beruht auf dem modernen grafischen Unterbau der mit PDF/X-4 und PDF/X-5 eingeführten Architekturen, die verschiedenartige Transparenz-Modi, Layer und ICC-basiertes Farbmanagement unterstützen.

 

  • Print-Jobs dieses Formats lassen sich mit einem Preflight oder einem PDF-Viewer inhaltlich und Layout-seitig prüfen.
  • Es stellt mit einem Caching-Mechanismus in der Print Engine eine Möglichkeit bereit, wiederkehrende Elemente nur einmal vorzuhalten.
  • Es ermöglicht vorhersagbare Farbergebnisse durch geräteunabhängige Farbprofile.
  • Es sieht eine Metadaten-Infrastruktur vor, um die für den variablen Transaktionsdruck notwendigen Steuerungsmöglichkeiten zu ermöglichen.

Die Chancen von VT

Insbesondere in den ersten drei Punkten unterscheidet sich PDF/VT von den hergebrachten Formaten tatsächlich teilweise erheblich: Sie sind aber zugleich auch limitierende Faktoren für die Verbreitung: Solange die Hersteller der Produktionsdrucker und Software-Hersteller nicht diese Formatspezifikationen in Ihren Druckern bzw. ihrer Software umgesetzt haben, sind die Anwender auf die von den Herstellern unterstützten herkömmlichen Formate verwiesen. Zwar haben die meisten Hersteller ihre Unterstützung generell angekündigt, sind aber mit konkreten Aussagen bezüglich neuer Produkte und Versionen in vielen Fällen noch sehr zurückhaltend bis abwartend. Je länger sich dieser Übergang hinzieht, umso mehr wird insbesondere AFP über das AFP Consortium mit Erweiterungen mit ähnlicher Funktionalität nachgezogen haben und damit für einige den Umstieg überflüssig machen – soweit die Hersteller bei den erweiterten Funktionen von AFP mitziehen. Die Abschätzungen von Adobe selbst sind demzufolge bislang noch sehr vorsichtig, was die Zeitplanung angeht.

Die Prozesse in den Druckrechenzentren sind zudem sehr komplex: Die Umsetzung eines anderen Druckformats zieht sich durch eine ganze Kette von Prozessen durch, die umgesetzt und getestet werden müssen – und das in einem Bereich, der von den Teams in den Druckzentren als sehr sensibel betrachtet wird. Hier muss der „Innovationsdruck“ also schon entsprechend groß sein, bevor ein gut eingeführtes Druckformat ausgetauscht wird.

Letztendlich wird die Einführung von PDF/VT bei den Anwendern auch eine Frage der Strategien und Prioritäten sein: Zweifellos ist die Unterstützung der grafischen Elemente von PDF/VT angesichts der künftigen Entwicklungen im Kundenkorrespondenzbereich das Hauptargument, das dieses neue Format adressiert. Hinzu kommt die immer stärkere Durchdringung des Transaktionsdrucks mit PDF – auch in der originären Form ohne VT. Je stärker grafische Elemente bei den Anwendern z. B. im Rahmen einer Personalisierungs- oder TransPromo-Strategie eine Rolle spielen, desto eher werden sie diese Abwägung – vorausgesetzt, die Hersteller haben die Voraussetzungen dafür geschaffen – treffen müssen.

Eine für den variablen Transaktionsdruck wichtige und elementare Funktion allerdings wird von PDF/VT noch nicht unterstützt: Das ISO-Gremium hat in der aktuellen Version die Schachtsteuerung explizit ausgeklammert, da sich die Hersteller bisher nicht auf eine gemeinsame Grundlage einigen konnten. Das zwingt die Anwender zu den bisherigen individuellen Lösungen auf PDF-Basis und widerspricht dem Portabilitätsgesichtspunkt. Hier wird das ISO-Gremium in einer neuen Version nachbessern müssen.

Letzte Änderung Dienstag, 10 Januar 2012

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